Sich selbst überlassen wächst Cannabis wie ein Weihnachtsbaum: eine dominante Spitze, darunter immer kürzere Seitentriebe. Unter einer Lampe ist das die schlechteste aller Formen – die Spitze bekommt zu viel Licht, alles darunter zu wenig. Pflanzentraining korrigiert genau das.
Das Prinzip dahinter
Die Triebspitze produziert Hormone, die das Wachstum der Seitentriebe unterdrücken – Apikaldominanz. Wird diese Dominanz gebrochen, verteilt die Pflanze ihre Energie gleichmässiger. Das Ziel jedes Trainings ist dieselbe Form: ein flaches, gleichmässiges Blütendach, in dem viele Triebe denselben Abstand zur Lampe haben.
LST – Low Stress Training
Die schonendste Methode und die beste für Einsteiger. Triebe werden mit weichem Draht, Pflanzenclips oder Bindebändern heruntergebogen und seitlich fixiert, ohne dass etwas geschnitten wird.
Vorgehen: Sobald die Pflanze vier bis fünf Blattpaare hat, wird der Haupttrieb vorsichtig zur Seite gebogen und am Topfrand fixiert. Die vorher unterdrückten Seitentriebe richten sich daraufhin auf und werden zu gleichrangigen Haupttrieben. Nachjustiert wird alle paar Tage.
Wichtig ist, nur an holzigen, biegsamen Stellen zu arbeiten und den Draht nicht einschneiden zu lassen. Bricht ein Trieb an, lässt er sich meist mit Pflanzenband schienen – die Pflanze bildet dort eine verdickte Stelle und wächst weiter.
Eine Sonderform ist die Spiralisierung, bei der der Trieb in eine Spirale gelegt wird.
Topping und FIMing – HST
Beim Topping wird die Triebspitze oberhalb eines Blattknotens vollständig abgeschnitten. Aus dem darunterliegenden Knoten entwickeln sich zwei neue Haupttriebe. Mehrfach wiederholt entstehen vier, acht oder mehr.
FIMing ist eine ungenauere Variante, bei der nur etwa 70 Prozent der Spitze entfernt werden. Das Ergebnis sind häufig drei bis vier neue Triebe statt zwei, dafür unregelmässiger.
Beides gehört ausschliesslich in die Wachstumsphase, frühestens ab dem vierten oder fünften Blattpaar, und die Pflanze braucht danach fünf bis sieben Tage Erholung. Die letzte Massnahme sollte mindestens zwei Wochen vor dem Umstellen auf 12/12 erfolgen.
SCROG – das Netz
Beim Screen of Green wird ein Netz etwa 20 bis 30 Zentimeter über den Töpfen gespannt. Alle Triebe, die hindurchwachsen, werden waagerecht weitergeleitet, bis das Netz gleichmässig gefüllt ist. Erst dann wird die Blüte eingeleitet.
SCROG liefert die gleichmässigste Ausnutzung der Fläche und ist besonders bei wenigen Pflanzen auf viel Raum stark. Der Preis ist eine längere Wachstumsphase und deutlich weniger Bewegungsfreiheit – nach dem Einwachsen lässt sich ein Topf kaum noch herausnehmen.
Entlauben – mit Mass
Grosse Schattenblätter, die Blüten verdecken, dürfen entfernt werden. Das verbessert Lichteinfall und Durchlüftung und senkt damit das Risiko von Blütenfäule.
Aber: Blätter sind die Kraftwerke der Pflanze. Wer zu viel entfernt, nimmt ihr die Fähigkeit, Blüten aufzubauen. Sinnvoll sind gezielte Eingriffe an wenigen Blättern, typischerweise einmal kurz vor dem Umstellen auf 12/12 und ein zweites Mal um den 20. Blütentag. Blätter, die nichts verdecken, bleiben dran.
Was bei Autoflowering-Sorten gilt
Automatisch blühende Sorten haben eine feste, kurze Lebenszeit. Jeder Eingriff, von dem sie sich erholen müssen, kostet Blütezeit, die nicht nachgeholt wird. Topping ist deshalb riskant und höchstens sehr früh vertretbar. LST dagegen funktioniert gut, weil es kaum Stress erzeugt. Mehr dazu im Beitrag über Autoflowering-Sorten.
Die häufigsten Fehler
- Training in der Blüte. Ab etwa der dritten Blütenwoche ist die Streckung vorbei – danach schadet jeder Eingriff nur noch.
- Zu viel auf einmal. Toppen, entlauben und biegen am selben Tag überfordert die Pflanze.
- An kranken Pflanzen trainieren. Wer mit Mängeln oder Schädlingen kämpft, löst erst das Problem.
- Draht zu fest. Er soll führen, nicht einschnüren.
- Kahlrasieren. Radikales Entlauben kostet in aller Regel Ertrag.