Das Substrat ist das am meisten unterschätzte Bauteil eines Grows. Es speichert Wasser, hält Nährstoffe verfügbar und versorgt die Wurzeln mit Sauerstoff – und wenn eines dieser drei Dinge nicht funktioniert, ist mit Dünger nichts mehr zu retten.
Warum normale Blumenerde meist scheitert
Handelsübliche Blumenerde aus dem Baumarkt ist auf Zierpflanzen ausgelegt. Zwei Eigenschaften machen sie problematisch: Sie ist häufig stark vorgedüngt, was Sämlinge überfordert, und sie sackt nach wenigen Wochen zusammen. Verdichtete Erde bekommt keine Luft mehr an die Wurzeln – die Pflanze steht dann buchstäblich im Nassen.
Die wichtigsten Substrate
Leichte Anzuchterde
Kaum vorgedüngt und feinkrümelig. Genau richtig für Keimlinge und Stecklinge, deren zarte Wurzeln von Salzen leicht verbrannt werden. In Anzuchterde bleiben Pflanzen üblicherweise zwei bis drei Wochen, bis sich die Wurzeln durch den Ballen gearbeitet haben.
Vorgedüngte Grow-Erde
Speziell abgemischte Erden für den Cannabis-Anbau enthalten typischerweise Düngerreserven für die ersten drei bis vier Wochen und sind mit Perlite oder Kokos aufgelockert. Der bequemste Einstieg – in dieser Zeit muss gar nicht gedüngt werden.
Kokossubstrat
Kokosfasern sind streng genommen kein Erdsubstrat, sondern ein inertes Medium: Es enthält kaum eigene Nährstoffe, speichert aber hervorragend Wasser und bleibt dabei luftig. Der Vorteil ist volle Kontrolle über die Ernährung, der Preis dafür, dass von Tag eins gedüngt werden muss. Wichtig ist gepufferte Ware – ungepuffertes Kokos bindet Calcium und Magnesium und verursacht genau dort Mängel.
Living Soil
Ein biologisch aktives Substrat mit Kompost, Wurmhumus und Mineralien, in dem Mikroorganismen die Nährstoffe erschliessen. Aufwendiger im Aufbau, dafür sehr fehlerverzeihend, weil sich das System selbst puffert. Nachgedüngt wird über organische Zusätze statt über Flüssignahrung.
Die richtige Mischung
Fertigerden lassen sich einfach verbessern. Bewährt hat sich, 20 bis 30 Prozent Perlite unterzumischen – das steigert die Luftführung spürbar und verhindert das Verdichten. Vermiculite hält zusätzlich Wasser, Blähton am Topfboden erleichtert den Abfluss.
Wer den pH-Wert stabilisieren will, findet in Dolomitkalk ein bewährtes Mittel, das gleichzeitig Calcium und Magnesium liefert.
Der pH-Wert entscheidet mit
Nährstoffe sind nur in einem bestimmten pH-Fenster für die Pflanze aufnehmbar. Liegt der Wert daneben, entstehen Mangelerscheinungen, obwohl genügend Nährstoffe vorhanden sind – ein Phänomen, das viele fälschlich mit noch mehr Dünger beantworten und damit verschlimmern.
- Erde: pH 6,0 bis 7,0, optimal um 6,5
- Kokos und Hydro: pH 5,5 bis 6,5, optimal um 5,8
Gemessen wird die Giesslösung, nicht die Erde selbst. Ein einfaches pH-Messgerät gehört zur Grundausstattung.
Umtopfen ohne Rückschlag
Cannabis reagiert empfindlich auf gestörte Wurzeln. Umgetopft wird deshalb möglichst selten und immer mit dem kompletten Ballen – typischerweise einmal von der Anzucht in den Endtopf, bei längerer Wachstumsphase mit einem Zwischenschritt. Der beste Zeitpunkt ist, wenn die Erde leicht angetrocknet ist: Dann hält der Ballen zusammen, ohne zu zerfallen.
Ein guter Indikator ist die Durchwurzelung – sichtbare Wurzeln an den Abzugslöchern heissen, dass der Topf zu klein wird. Welche Topfgrösse zu welcher Phase passt, steht im Beitrag Töpfe für den Cannabis-Anbau.
Woran man ein Substratproblem erkennt
- Wasser steht lange auf der Oberfläche: die Erde ist verdichtet oder zu fein.
- Der Topf trocknet innerhalb eines Tages aus: zu wenig Wasserspeicherung, mehr Kokos oder Vermiculite nötig.
- Hängende Blätter trotz feuchter Erde: Sauerstoffmangel an den Wurzeln – klassisches Überwasserungsbild.
- Mängel trotz Düngung: fast immer ein pH-Problem, kein Nährstoffproblem.
Perlite, Vermiculite und Blähton im Vergleich
Diese drei Zuschlagstoffe werden oft in einem Atemzug genannt, tun aber Unterschiedliches:
- Perlite ist aufgeschäumtes Vulkangestein. Es speichert kaum Wasser, schafft aber dauerhaft Hohlräume und damit Sauerstoff im Ballen. Der Standardzuschlag, wenn Erde zu dicht ist.
- Vermiculite ist ein Schichtsilikat, das viel Wasser und Nährstoffe bindet und langsam wieder abgibt. Sinnvoll in trockenen Räumen – in ohnehin feuchten Substraten verschlimmert es Staunässe.
- Blähton ist grob und schwer. Als Drainageschicht am Topfboden brauchbar, als Beimischung im Ballen wenig sinnvoll.
Als Faustregel: Perlite gegen Verdichtung, Vermiculite gegen zu schnelles Austrocknen. Beide gleichzeitig in grossen Mengen heben sich gegenseitig auf.
Kokos richtig vorbereiten
Kokossubstrat kommt meist als Pressziegel. Er wird mit Wasser aufgelöst, wobei aus einem Ziegel etwa das Fünf- bis Achtfache an Volumen entsteht. Zwei Dinge sind dabei entscheidend:
Puffern. Kokosfasern besetzen ihre Austauschplätze zunächst mit Natrium und Kalium. Kommt Calcium aus dem Dünger dazu, wird es gegen diese Ionen getauscht und steht der Pflanze nicht zur Verfügung – das Ergebnis sind Calcium- und Magnesiummangel trotz korrekter Düngung. Vorgepuffertes Kokos ist bereits behandelt; ungepuffertes wird vor Gebrauch mit einer Calcium-Magnesium-Lösung durchtränkt.
Spülen. Günstige Ware enthält oft Salzreste aus der Herkunftsregion. Ein Durchspülen mit klarem Wasser bis der Ablauf einen niedrigen EC-Wert zeigt, verhindert Probleme.
Den pH-Wert praktisch einstellen
Gemessen wird die fertige Giesslösung, also Wasser plus Dünger – in dieser Reihenfolge, weil Dünger den Wert deutlich verschiebt. Korrigiert wird mit pH-Minus oder pH-Plus in sehr kleinen Schritten; wenige Tropfen auf zehn Liter bewegen bereits eine Zehntelstufe.
Leitungswasser in Deutschland liegt häufig zwischen pH 7 und 8 und ist damit fast immer zu hoch. Wer regelmässig anbaut, kommt um ein pH-Messgerät nicht herum – Teststreifen sind zu ungenau für den engen Zielkorridor. Die Elektrode muss dabei kalibriert und feucht gelagert werden, sonst driftet die Anzeige mit der Zeit weg.
Warum der Wert wandern darf
In Erde ist ein leichtes Pendeln zwischen 6,0 und 7,0 sogar erwünscht: Nicht alle Nährstoffe sind beim selben pH-Wert optimal verfügbar. Eisen wird eher im unteren Bereich aufgenommen, Kalium und Calcium eher im oberen. Ein starres Festhalten an genau 6,5 kann deshalb einzelne Mängel begünstigen.
Der EC-Wert – die zweite Kennzahl
Während der pH-Wert die Verfügbarkeit steuert, misst der EC-Wert die Gesamtmenge gelöster Salze, also die Konzentration der Nährlösung. Grobe Orientierung: 0,4 bis 0,8 mS/cm für Sämlinge, 1,0 bis 1,4 in der Wachstumsphase, 1,4 bis 2,0 in der Blüte.
Aufschlussreich ist der Vergleich zwischen zugeführter und ablaufender Lösung. Liegt der Ablauf deutlich höher, reichert sich Salz im Substrat an – dann muss mit klarem Wasser gespült werden. Liegt er niedriger, zehrt die Pflanze mehr, als sie bekommt.
Substrat wiederverwenden
Erde nach einem Durchgang wegzuwerfen ist unnötig. Sie lässt sich aufbereiten: grobe Wurzeln entfernen, mit frischem Kompost und Wurmhumus anreichern, Perlite ergänzen und einige Wochen ruhen lassen. Bei einem Befall mit Trauermücken oder einer Pilzerkrankung ist davon allerdings abzuraten – die Erreger überdauern im Substrat und starten den nächsten Durchgang gleich mit einem Problem, wie der Beitrag zu Schädlingen im Grow zeigt.
Welches Substrat für wen?
- Erstes Mal, wenig Zeit: vorgedüngte Grow-Erde mit etwas Perlite. Verzeiht Fehler und braucht wochenlang keinen Dünger.
- Kontrolle über die Ernährung gewünscht: gepuffertes Kokos. Verlangt tägliche Aufmerksamkeit, reagiert dafür schnell auf Korrekturen.
- Wenig Eingriffe, biologisch: Living Soil. Hoher Aufwand am Anfang, danach fast selbstlaufend.
- Outdoor: gute Gartenerde mit Kompost, aufgelockert und mit ausreichend Volumen.
Wie sich der Bedarf über die Kultur verändert, beschreibt die Übersicht zu den Wachstumsphasen.
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